Erste Hilfe nach Autounfall: So reagieren Sie richtig
- Verkehrssicherheits Check

- 12. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Ein Verkehrsunfall ist eine Ausnahmesituation, die selbst erfahrene Autofahrer aus der Fassung bringen kann. Zwischen dem Moment des Aufpralls und dem Eintreffen der Rettungskräfte vergehen oft entscheidende Minuten. Was in dieser Zeit geschieht, kann über die Schwere der Unfallfolgen entscheiden. Dabei geht es nicht nur um medizinische Maßnahmen, sondern zunächst um die Sicherung der Unfallstelle und den Eigenschutz. Wir erläutern die wichtigsten Handlungsschritte und erklären, worauf es in den ersten Minuten nach einem Unfall wirklich ankommt.

Die ersten Sekunden nach dem Aufprall
Unmittelbar nach einem Unfall durchleben Beteiligte häufig einen Zustand der Desorientierung. Der Körper schüttet Stresshormone aus, der Puls beschleunigt sich, und das Denken wird von der Situation überflutet. Dieser Schockzustand ist eine natürliche Reaktion und betrifft Unfallbeteiligte ebenso wie Ersthelfer, die zufällig am Unfallort eintreffen. Das Wichtigste in diesem Moment ist, einen klaren Gedanken zu fassen und strukturiert vorzugehen.
Bevor irgendeine Hilfeleistung beginnen kann, steht der Eigenschutz an erster Stelle. Dieser Grundsatz mag auf den ersten Blick egoistisch erscheinen, ist aber logisch zwingend. Wer sich selbst in Gefahr bringt, kann anderen nicht helfen und wird möglicherweise selbst zum Opfer, das gerettet werden muss. Das bedeutet konkret: Warnblinker einschalten, Warnweste anlegen, Unfallstelle absichern. Diese Reihenfolge sollte verinnerlicht werden, bis sie automatisch abläuft.
Das Aufstellen des Warndreiecks erfolgt in ausreichendem Abstand zur Unfallstelle. Auf Landstraßen gelten mindestens 100 Meter als angemessen, auf Autobahnen sollten es mindestens 150 Meter sein, bei unübersichtlichen Streckenverläufen entsprechend mehr. Der Weg zum Aufstellort wird am Fahrbahnrand zurückgelegt, niemals auf der Fahrbahn selbst. Nachfolgende Fahrzeuge erkennen Fußgänger auf der Straße oft erst spät, insbesondere bei Dunkelheit oder schlechten Sichtverhältnissen.
Den Notruf richtig absetzen
Der Notruf unter der europaweit einheitlichen Nummer 112 ist der wichtigste Schritt zur Alarmierung professioneller Hilfe. Die Leitstelle benötigt präzise Informationen, um die richtigen Einsatzkräfte zu disponieren. Ein strukturierter Notruf beschleunigt die Hilfe erheblich und vermeidet Rückfragen, die Zeit kosten.
Die klassischen W-Fragen bilden das Gerüst für einen vollständigen Notruf. Wo ist der Unfallort? Diese Angabe ist die wichtigste Information überhaupt. Auf Autobahnen helfen Kilometerangaben und die Fahrtrichtung, auf Landstraßen die nächstgelegene Ortschaft und markante Orientierungspunkte. Smartphones mit aktivierter Standortfreigabe können die Position automatisch übermitteln, sofern die Leitstelle über entsprechende Systeme verfügt.
Was ist passiert? Eine kurze Beschreibung des Unfallhergangs ermöglicht der Leitstelle eine erste Einschätzung. Ein Auffahrunfall mit Blechschaden erfordert andere Ressourcen als ein Frontalzusammenstoß mit eingeklemmten Personen. Wie viele Verletzte gibt es und welcher Art sind die Verletzungen? Auch hier hilft eine nüchterne Beschreibung mehr als emotionale Schilderungen. Die Anzahl der Verletzten, offensichtliche Verletzungsmuster und der Bewusstseinszustand sind relevante Informationen.
Nach dem Absetzen des Notrufs sollte die Leitung nicht sofort beendet werden. Die Leitstelle stellt möglicherweise Rückfragen oder gibt Anweisungen zur Ersten Hilfe. Das Gespräch endet erst, wenn der Disponent dies signalisiert. In der Zwischenzeit kann das Mobiltelefon auf Lautsprecher gestellt werden, um beide Hände für Hilfsmaßnahmen frei zu haben.
Beurteilung der Verletzten
Bevor konkrete Erste-Hilfe-Maßnahmen eingeleitet werden, verschafft sich der Ersthelfer einen Überblick über die Situation. Bei mehreren Verletzten muss eine Priorisierung erfolgen. Die sogenannte Sichtung orientiert sich am Schweregrad der Verletzungen und den Überlebenschancen. Personen, die laut um Hilfe rufen, sind in der Regel weniger kritisch als solche, die reglos daliegen.
Die Ansprache eines Verletzten gibt erste Hinweise auf seinen Zustand. Wer antwortet und den Blickkontakt halten kann, ist bei Bewusstsein. Wer auf Ansprache nicht reagiert, könnte bewusstlos sein oder unter Schock stehen. In diesem Fall folgt ein vorsichtiger Schmerzreiz, etwa ein leichtes Kneifen am Handrücken. Bleibt auch darauf eine Reaktion aus, liegt eine Bewusstlosigkeit vor, die weitere Maßnahmen erfordert.
Die Atmung wird überprüft, indem der Kopf des Verletzten vorsichtig überstreckt und die Atemwege freigemacht werden. Das Ohr des Helfers nähert sich dabei dem Mund des Verletzten. Ist ein Atemstrom spürbar und hebt sich der Brustkorb sichtbar, atmet die Person. Fehlen diese Zeichen, liegt ein Atemstillstand vor, der unverzüglich eine Wiederbelebung erfordert.
Die stabile Seitenlage
Bei bewusstlosen Personen, die selbstständig atmen, ist die stabile Seitenlage die wichtigste Maßnahme. Sie verhindert, dass die erschlaffte Zunge die Atemwege blockiert oder Erbrochenes in die Luftröhre gelangt. Beide Risiken können ohne Gegenmaßnahmen innerhalb weniger Minuten zum Erstickungstod führen.
Die Durchführung der stabilen Seitenlage beginnt mit dem Anwinkeln des nahen Arms auf Schulterhöhe. Der ferne Arm wird über die Brust gelegt, sodass der Handrücken an der nahen Wange des Verletzten liegt. Das ferne Bein wird angewinkelt und als Hebel genutzt, um die Person zu sich herüberzuziehen. Der Kopf wird leicht überstreckt, um die Atemwege offen zu halten, und der Mund zeigt nach unten, damit Flüssigkeiten abfließen können.
Die regelmäßige Kontrolle der Atmung bleibt auch nach dem Verbringen in die stabile Seitenlage erforderlich. Der Zustand eines Verletzten kann sich jederzeit verschlechtern. Setzt die Atmung aus, muss sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden. Die kontinuierliche Überwachung endet erst mit dem Eintreffen des Rettungsdienstes.
Besonderheiten bei eingeklemmten Personen
Nicht selten sind Unfallopfer im Fahrzeug eingeklemmt und können nicht ohne weiteres befreit werden. In dieser Situation ist besondere Umsicht gefragt. Die technische Rettung obliegt der Feuerwehr, die über spezielles Gerät zur Befreiung eingeklemmter Personen verfügt. Laienhelfer sollten keinesfalls versuchen, Verletzte mit Gewalt aus dem Fahrzeug zu ziehen.
Die Rettung aus dem Fahrzeug durch Ersthelfer ist nur dann gerechtfertigt, wenn eine unmittelbare Lebensgefahr besteht, die durch Verbleiben im Fahrzeug größer wäre als durch eine mögliche Verschlechterung von Verletzungen. Typische Beispiele sind ein brennendes Fahrzeug oder ein Auto, das ins Wasser zu sinken droht. In allen anderen Fällen ist es sicherer, die eingeklemmte Person im Fahrzeug zu belassen und zu betreuen, bis professionelle Hilfe eintrifft.
Die Betreuung eingeklemmter Personen umfasst die Stabilisierung der Halswirbelsäule, sofern ein Trauma vermutet wird. Der Kopf wird dabei von hinten mit beiden Händen fixiert und in neutraler Position gehalten. Gleichzeitig ist es wichtig, mit der verletzten Person zu sprechen, sie über die Situation zu informieren und Ruhe zu vermitteln. Die psychische Betreuung ist ein oft unterschätzter Aspekt der Ersten Hilfe, der dennoch erheblichen Einfluss auf den Verlauf haben kann.
Umgang mit Blutungen
Starke Blutungen gehören zu den bedrohlichsten Verletzungen, die bei Verkehrsunfällen auftreten können. Der menschliche Körper enthält etwa fünf bis sechs Liter Blut. Ein Verlust von mehr als einem Liter führt bereits zu Schocksymptomen, der Verlust von zwei Litern oder mehr ist ohne medizinische Versorgung lebensbedrohlich. Die Blutstillung hat daher hohe Priorität.
Die wirksamste Methode zur Blutstillung ist der direkte Druck auf die Wunde. Ein Verbandtuch oder notfalls ein sauberes Kleidungsstück wird fest auf die blutende Stelle gepresst und dort gehalten. Der Druck sollte stark genug sein, um den Blutfluss deutlich zu verringern oder zu stoppen. Das Aufdrücken ist keine angenehme Maßnahme, weder für den Verletzten noch für den Helfer, aber sie ist effektiv und kann lebensrettend sein.
Bei Blutungen an den Extremitäten unterstützt das Hochlagern des betroffenen Körperteils die Blutstillung. Durch die Schwerkraft verringert sich der Blutdruck in den angehobenen Gliedmaßen, was die Blutung abschwächt. Diese Maßnahme ergänzt den Druckverband, ersetzt ihn aber nicht. Abbinden sollte nur in absoluten Ausnahmefällen erfolgen und erfordert spezielle Kenntnisse, da bei falscher Anwendung Gewebeschäden drohen.
Psychische Erste Hilfe
Die seelische Belastung eines Verkehrsunfalls wird häufig unterschätzt. Nicht nur die körperlich Verletzten, sondern auch Unfallzeugen und Ersthelfer können durch das Erlebte traumatisiert werden. Die psychische Erste Hilfe beginnt bereits am Unfallort und setzt sich in den Stunden und Tagen danach fort.
Ansprache, Zuwendung und das Vermitteln von Sicherheit sind die Grundpfeiler der psychischen Betreuung. Ein ruhiger, bestimmter Tonfall wirkt beruhigend auf Verletzte und Umstehende gleichermaßen. Informationen über den aktuellen Stand, etwa dass der Rettungsdienst bereits unterwegs ist, reduzieren Ängste und geben ein Gefühl von Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation.
Nach dem Eintreffen der Rettungskräfte endet die Aufgabe des Ersthelfers nicht abrupt. Die Übergabe an den Rettungsdienst umfasst alle relevanten Informationen, die während der Betreuung gesammelt wurden. Beobachtungen zum Unfallhergang, Veränderungen im Zustand der Verletzten und durchgeführte Maßnahmen sind für die weitere Versorgung wertvoll. Anschließend sollten auch Ersthelfer auf sich selbst achten und bei Bedarf psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen.





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